Repor t Reinhold Messner fand sich bereits als fünf Monate altes Baby unter einem Gipfelkreuz wie- der, die Höhenluft sollte seinen Keuchhusten heilen. Auf einem kleinen Geflügelhof in einem Südtiroler Tal wuchs er mit seinen Geschwistern auf. Im Winter kam zwei Monate kein Sonnen- strahl ins Tal, daher stieg man hinauf zum Licht, auf die Alm. So wurde er Kletterer. „Ich bin rich- tig horizontsüchtig geworden. Das bin ich noch heute.“ Oft brachen Reinhold und Günther, sein bevorzugter Kletterpartner, schon um drei Uhr morgens zu einer Tour auf. „Es gab noch keine Kletterhallen. Unser Trainingsgelände waren die echten Berge.“ So lerne man, nur das zu wagen, was man wirklich beherrsche. „Sich in einer senkrechten Wand zu orientieren ist nämlich viel schwieriger, als sich im Flachen zurechtzufin- den.“ Heinz Neiber betont, wie wichtig die akri- bische Vorbereitung einer Tour sei. Die Beson- derheiten der Wegführung, die Dauer der Route, Gefahren durch Lawinen oder einen Wetter- umschwung, die erforderliche Ausrüstung – all dies solle man mit allen Beteiligten abstimmen. Reinhold Messner sieht Parallelen zwischen den Social-Media-Kletterern und professionell orga- nisierten Touren im Himalaja: Auf den Achttausendern herrscht heutzutage ein richtiger Massenbetrieb. Alles ist abgesichert. Man startet im Basislager bereits unterhalb des Gipfels, ist dort mit dem Hubschrauber hingeflogen. Die Höhe, in der man sich befindet, und in welcher Umgebung der Berg steht, kann man so doch überhaupt nicht erfahren. Sherpas bauen alles auf und wieder ab, transpor- tieren das Gepäck und räumen den Müll weg. Das hat den Alpinismus verharmlost. Die Leute verlieren die Ehrfurcht vor der Natur.“ „Für einige sind die Berge zum Fitnessstudio geworden“, er- gänzt Theresa Kellerer. „Den Menschen und der Kultur vor Ort wird so oft nur noch wenig Respekt entgegengebracht.“ Dabei erweise sich der Mas- sentourismus, wirft Reinhold Messner ein, trotz dieser negativen Auswirkungen als sehr wich- tig für die Bergbewohner, „damit sie überleben können“. Dennoch sei es schade, wenn sich die Kletterer auf einer Route drängten, die durch die sozialen Medien Berühmtheit erlangt habe, in der nahen Umgebung aber finde sich niemand. e n u e r G n a J : o t o F Sich in einer senkrechten Wand zu orientieren ist viel schwieriger, als sich im Flachen zurechtzufinden." Denn dort sei es dann doch viel schöner. Immerhin sorgten die Sherpas dafür, dass keine Bergwacht erforderlich sei. Die Sherpas übernähmen im Ernstfall eine Rettung. Obwohl, so merkt Reinhold Messner an, auch andere Bergsteiger ihre Tour sofort abbrächen, wenn es darum gehe, einem Kletterer in Not zu helfen. Nur, wie vermeidet man bei einer Rettung, selbst in Gefahr zu gera- ten? Der Eigenschutz ist bei sämtlichen Rotkreuz-Einsätzen ein wichti- ges Thema. Theresa Kellerer berichtet von einer Bergrettung im Septem- ber 2024: Infolge eines plötzlichen Wintereinbruchs ging eine Lawine ab und begrub einen Wanderer. Trotz der widrigen Bedingungen ver- suchten Bergwachtler aus Bayern und Tirol, zu dem Verunglückten vor- zudringen. Doch eine Nachlawine verschüttete teilweise auch einen Helfer. Nach einer erneuten Gefahrenbeurteilung unterbrach die Gruppe ihren Einsatz und setzte ihn am folgenden Tag fort. „Neben dem Risiko für uns“, erklärt Theresa Kellerer, „spielen die Schwierigkeit der Rettungsaktion und die Wahrscheinlichkeit, dass der Verletzte überhaupt noch lebt, eine Rolle.“ Während der Rettung bewertet die Einsatzleitung das Risiko für das Team anhand der Gegebenheiten – Entfernung zum angenommenen Notfallort, einbrechende Dunkelheit, Geländebeschaffenheit, angekündigte Wetterverhältnisse – immer wieder neu. Und entscheidet im Extremfall, gar nicht erst zu starten beziehungsweise die Suche zu unterbrechen. Keine einfache Abwä- gung, aber zum Schutz der Helfer unumgänglich. „Ja, die Berge sind der letzte Rest Wildnis“, bestätigt Reinhold Messner. „Hier macht man Erfahrungen der tiefsten Art. Es ist die Auseinandersetzung zwischen dem Naturgesetz und der Menschennatur, der Grat zwischen Umkom- men und Durchkommen.“ Nahtoderlebnisse hatte er mehrere wäh- rend seiner Jahrzehnte währenden Bergsteigerkarriere. Er war der Erste, der auf den Gipfeln sämtlicher Achttausender stand, der Erste, der den Mount Everest im Alleingang ohne Sauerstoffmaske bezwang; monatelang durchwanderte er die Antarktis.